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Projekt Kompost: Ulli und die Jauchekuhle

Dieser Artikel ist verlinkt mit einem Artikel zum Thema "Arbeitspakete". Der Artikel selbst ergibt keinen erkennbaren Kotext zum Projektmanagement. Wir empfehlen trotzdem, diesen Artikel zu lesen, weil er doch sehr amüsant ist.

Ich war etwa 6 Jahre alt und spielte häufiger mit meinen Freunden in unserem Garten. Am Ende des Gartens hatte mein Vater in einer Art Betonloch, das einen Meter tief hinab ging, einen Komposthaufen angelegt. Irgendwie hat das der Komposthaufen nicht gewusst, dass er ein Komposthaufen ist. Mit der Zeit degenerierte er zu einer Jauche-Kuhle.

Ulli in der Guelle KuhleAn einem Samstagnachmittag im sonnigen Mai, standen mein Freund Ulli und ich am Rande dieses „Komposthaufens“ und bewunderten die aufsteigenden „glucksenden“ Blasen. Wir hatten Stöcker in den Händen und stocherten in dem stinkenden Brei herum, in der Hoffnung, dass mal etwas anderes aufsteigt, als glucksende Blasen. Aber es passierte nichts. Langsam wurde es langweilig. Eigentlich war ich immer ein guter Junge, aber irgendwie stach mich an diesem Tag der Hafer. Ulli stand genau auf der Kante und jonglierte hin und her. Wie aus einem Reflex, stieß „meine linke Hand“ Ulli in die stinkende Jauche. Zum Glück landete er nicht mit einem quasi "Bauchplatscher" in der Jauche, sondern sprang ausgelöst durch meinen Schupser kerzengerade in das ecklige Nass.Ich redete mir ein, ich hätte damit gar nichts zu tun, er wäre sowieso reingefallen. Als ich ihn schreien und heulen hörte, bereute ich meine Tat sofort, jedenfalls machte ich erst mal ein mitleidiges Gesicht...nach dem Motto, "das habe ich aber nicht gewollt!". Er war zum Glück nicht mit dem Kopf untergetaucht sondern stand etwa bis zur Brusthöhe in dem Gewabber. Eine Hand war auch noch sauber, so dass ich ihm zurief, er solle mir die saubere Hand reichen, damit ich ihm wieder raus helfen kann. Er ergriff leider mit beiden Händen meine Hand, was ein wenig eklig war! Ich zog ihn an „Land“. Er sah fürchterlich aus! Er hatte eine bayrische Lederhose an, deren Seitentaschen mit Jauche gefüllt waren und auf der linken Seitentasche durch ein Loch, in einem dicken Strahl abfloss. Er brüllte wie am Spieß, als ob er Schmerzen hätte. Wie ich später von ihm erfuhr, war es aber nur eine Art Schock.

Ich musste mich jetzt vor Lachen auf die Wiese schmeißen, mein Mitleid war verflogen. Ich konnte nicht mehr stehen. Ich hatte den schlimmsten Lachanfall in meinem jungen Leben und sollte auch jahrelang nie wieder so herzlich lachen wie an diesem Tag! Ulli stand nach wie vor wie angewurzelt auf der Kuhlenkante und schrie als könnte er damit einen Preis gewinnen. Die ersten Nachbarn schauten schon aus den Fenstern. Plötzlich lief Ulli los, Richtung Mutti, wie ich später schmerzlich feststellen musste. Er lief erst ohne zu schreien, erst als er den Hof verlassen hatte und die andere Strassenseite erreichte, fing er wieder an zu schreien, als hätte er ein Bein verloren.

Ich konnte immer noch nicht aufhören zu lachen, ich hatte schon Magenkrämpfe. Ich ging, immer noch lachend, in Richtung Hof. Überall stank es nach Jauche. Keine 3-4 Minuten später, Nachbarn freuen sich über eine gelungene Nachmittagsunterhaltungtauchte Ulli samt Mutti auf unserem Hof auf. Ulli sah immer noch herzzerreißend aus und begann wieder zu heulen als er mich sah. Seine Mutter hielt einen gehörigen Sicherheitsabstand zu ihm ein, er musste ihr folgen.

Meine Oma kam aus dem Haus. Ich lachte immer noch Tränen. Alle anderen, auch die dazu kommenden Nachbarn, waren todernst. Meine Oma begriff sehr schnell was passiert war. Sie schnappte sich den neben dem Wäscheständer stehenden Teppichklopfer und schlug auf mich ein (Damals durfte man Kinder noch prügeln). Ich ergriff die Flucht, was wenig Zweck hatte, da meine Oma noch sehr gut zu Fuß war. Sie jagte mich durch den Garten - fast hätte ein Huhn daran glauben müssen - und zog mir den Teppichklopfer immer wieder eins über. Unser Dackel fand das auch lustig und versuchte mir kläffend in die Hacken zu beißen. Alle beobachteten die Szene, in sicherm Abstand zu Ulli und Ulli hatte sogar aufgehört zu schreien.

Abends von meiner Mutter und meinem Vater gabs auch noch mal was. Aber….ich bereute nichts. Das wars mir wert. Und auch Ulli konnte drei Tage später wieder lachen.

Zum Thema Projektmanagement: Arbeitspakete werden nicht Dekompostiert, sondern Dekomposiert.

Zwei weitere Tage später langweilten wir uns in unserem Garten wieder zu Tode. Die Nachbarin hängte gerade große weiße Bettlaken und Bettwäsche auf. Die waren so weiß, dass es blendete. Die Werbung aus "Weißer Riese" hatte mich später immer an diesen Tag erinnert. 

Nachdem die Nachbarin im Haus verschwand, machte ich Ulli den Vorschlag, aus Schlamm "Schlammbälle" zu formen und damit die Laken zu bomardieren. Ulli wollte nicht so recht. Ich machte ihm den Vorschlag, dass der, der zuerst trifft, von dem anderen 50 Pfennig erhält. Das gefiel ihm. Nachdem wir jeder 10 Schlammbälle geformt hatten starten wir das Bombardement. Wir trafen beide mit dem ersten Wurf ins Schwarze, respektive Weisse. "Ok rief ich, dann zahlt der, der die wenigsten Treffer erziehlt." Ulli legte sich jetzt richtig ins Zeug. Ich stand etwas hinter ihm und sah plötzlich die Nachbarin die Haustür öffenen. Ich reagierte just in time und beamte mich in Lichtgeschwindigkeit in die Sträucher hinter der Garage. Ulli warf währenddessen schon seinen 3. Schlammball und traf zum dritten Mal. Mit dem 4. Schlammball ausholend rief er "jetzt nehm ich das große Laken links daneben" und traf quasi mit Ansage genau in die Mitte. 

In dem Moment nahm die herannahende Nachbarin den feindlichen Angriff wahr. Sie sprintete los, sprang über den kleinen Zaun und lief auf Ulli zu. Jetzt erkannte Ulli die Gefahr und schaute sich mit dem 5. Schlammball in der Hand hilfesuchend nach mir um. Ich war weg! Ullis Blick werde ich nie vergessen: Es war nicht der Igitt-Igitt Jauche Blick, es war der "ich bin schon wieder der Dumme Blick".

Ulli blieb keine Zeit zum reagieren, die Nachbarin schallerte ihm eine, so dass er fast so laut los plärte, wie 5 Tage zuvor. Ich bekam wieder Lachkrämpfe und musste die Luft anhalten, um nicht entdeckt zu werden. Danach zog sie ihn am Ohr von unserem Hof in Richtung Mutti - Ullis Mutti. Ulli die alte Petze, plauderte natürlich alles aus und machte mich verantwortlich. Die beiden Frauen kammen samt Ulli und einer weiteren Nachbarin wild schnatternd wieder auf unseren Hof. Es kam mir fast vor wie eine Wiederholung in einem Fußballszene, nur ohne Zeitlupe und ohne Gestank auf dem Hof.  Wieder kam meine Oma raus, wieder schnappte sie sich den Teppichklopfer und wieder folgte ihr unser Dackel Axel bis zu dem Gebüsch hinter der Garage. Meine Oma wusste genau wo ich steckte. Sie scheuchte mich auf und und jagte mich durch den Garten, erneut mit dem Teppichklopfer einen Volley übend. Diesmal hatte ich Pech. Axel erwischte einen Zipfel meiner Knickbocker und ließ nicht mehr los. Er zerrte knurrend daran herum und ließ micht nicht mehr weg. Oma konnte sich jetzt voll austoben und trainierte so richtig ihre Vorhand.

Unser Dackel Axel war nicht gut auf mich zu sprechen. Ich ärgerte ihn immer wenn er einen Knochen oder Ähnliches sein eigen nannte. Dabei biss er mir einmal in die Nase. Mit dem einen spitzen Zahn traf er genau ins linke Nasenloch, der andere Zahn kam von oben. Wäre ich so ein durchgeknalltes Mädchen der heutigen Zeit gewesen, hätte ich mir gleich ein Piercing setzen können. Die Narbe ist heute noch gut sichtbar. Andererseits generierte er dadurch so richtig zum scharfen Kampdackel. Wenn ich ihn dabei hatte, konnten mir die größeren Jungs auf der Strasse gar nichts. Axel war mehr gefürchtet als der Bernadiener drei Häuser weiter.

Abends gab natürlich noch mal Klartext von Vatta ohne jegliche Empathie. 

Naja, zwei Tage später kam Ulli angeschissert und wollte 50 Pfennig haben, weil es seiner Meinung nach 4:1 für ihn stand. Ich fragte ihn, ob er schon mal erlebt hätte, dass eine Fußballmannschaft gewonnen hatte, wenn das Spiel abgebrochen wurde, auch wenn sie führte. Was konnte ich dafür, dass die Nachbarin unseren Wettstreit unerbrochen hat? Ulli war sprachlos.

 

"Ulli, falls Du diesen Artikel mal lesen solltest, melde Dich. Ich besitze keinen Garten und auch keine Jauchekuhle. Du bekommst auch 25 Cent von mir!"

 

Renee Ossowski, PMP

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